Schlins: Architektur im 20 Jahrhundert

“Text über die Architektur in Schlins
18.3.2011”

Architektur in Schlins

Einleitung- Ein fruchtbarer Boden für die Baukultur
Wer sich auf die Suche nach Architektur macht, beginnt damit oft in der Ortsmitte und stößt dabei in Schlins auf zwei Besonderheiten. Man durch-quert den Ort in alle Richtungen und stellt fest: Es gibt nicht eine Mitte, sondern mehrere. Eine Reihe von Platzräumen ist vor den verschiedenen Funktionen des öffentlichen Lebens spürbar. Und, es gibt eine insgesamt bemerkenswerte Anzahl von anspruchsvollen Bauwerken für eine Gemeinde dieser Größe. Dem Einwohner fallen sie nicht auf, weil er an sie gewöhnt ist und dem interessierten Besucher, weil diese Bauten im allgemeinen gut in-tegriert sind und stilistisch recht unterschiedliche Handschriften aus den verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts tragen.
Schlins zeigt sich als ein guter geistiger Boden für die Baukultur und als ein Kristallisationspunkt für die Architekturentwicklung Vorarlbergs. Beide sind sowohl von einer breiten Vielfalt an Impulsen von Außen getragen ist, aber auch durch die Visionen und das Engagement von Einzelpersönlichkeiten vor Ort. Das Beispiel Schlins zeigt eindrucksvoll, dass gute Architektur keine Städte braucht und sich Baukultur in einem lokalen Umfeld entwickeln kann.

Bemerkenswert ist nicht nur die Analogie zur Vorarlberger Entwicklung, sondern auch, dass einzelne Bauwerke von internationaler architekturhisto-rischer Bedeutung darunter zu finden sind. Die Siedlung Ruhwiesen, geplant durch Rudolf Wäger, bildet einen frühen, architektonisch ausgereiften Bei-trag zur Ära der Vorarlberger Baukünstler, die den Anspruch des selbstbe-stimmten, kostenbewussten Bauens in Vorarlberg mit hoher gestalterischer Präzision und einem regionalen Beitrag zur Moderne verbanden. Das 2008 fertig gestellte Wohnhaus Rauch von Martin Rauch und Roger Boltshauser setzt sich von den Routine des aktuellen Bauens ab, in dem es der zeitge-nössischen Gestaltung einen meisterhaften Umgang mit dem Material hin-zufügt, der in seiner Subtilität und Ausdrucksstärke die Intensität eines Kunstwerks erreicht.
Baukultur und architektonische Höchstleistungen
Baukultur darf im Kontext Vorarlbergs aber nie als „Spitzensport“ missver-standen werden. Es sind die Gesetzmäßigkeiten der medialen Berichterstat-tung, die das Besondere, Einzigartige und Neuartige überbetonen. Wenn die beiden eingangs genannten Bauwerke hervor gehoben werden, dann um das Maß an Qualität zu demonstrieren, zu denen eine solche Baukultur fähig ist. Nichts davon ist aus dem Nichts entstanden und nichts davon bleibt für die Nachwelt wirkungslos. Die Verbundenheit einer Dorfgemeinschaft und gerade eine lokale Identität sind Grundsubstanz und Wirkungsfeld dieser Bauten. Denn dahinter stehen Bauherren, Planer, eine Baubehörde und deren Berater, später dann Handwerker und zu guter Letzt die Nutzer, die den Ideen und Absichten eines Bauwerks Leben und Sinn geben. Verständnis für die Möglichkeiten und Freude an den Qualitäten, die geschaffen wurden, sind dafür maßgebend und auch für spätere Veränderungen oder Erweiterungen. Wer sich an den Alterspuren eines natürlich vergrauten Holzschirm freuen kann und nicht sorgenvoll nach jeder Farbveränderung schielt, lebt mit dem Haus. Wer einen großen Vorplatz nutzt und nicht als Geldverschwendung beklagt, lebt mit den Räumen, die da geschaffen wur-de.

Siedlungsentwicklung – Das Dorf als Gefüge.
Schlins hat wie auch zahlreiche andere Landgemeinden deutliche Eingriffe in seine innere Ordnung durch den wirtschaftlichen Aufbruch und das rasante Wachstum der Nachkriegszeit erfahren, deren Nachwirkungen noch spürbar sind.
Die einstige Existenz zweier Dorfkerne – Oberdorf und Unterdorf – ist kaum mehr erkennbar. Die einst markant ausgebildete Dorfmitte um die St. Anna Kapelle im Unterdorf mit öffentlichem Brunnen, Dorflinde und Gasthaus . . . wurden durch die Verbreiterung der Landesstrasse und das steigende Verkehrsaufkommen stark beeinträchtigt. Zentrumsfunktionen wurden in den geschützteren Bereich des Oberdorfs verlagert, der aber durch die topografisch beengte Situation um Kirche und Schule keine spürbare Mitte bilden konnte.
Begleitet von einer sorgfältigen und umfangreichen Studie durch Arch. Ernst Hiesmayr folgte Schlins als eine der ersten Gemeinden der Aufforderung der Landesraumplanung und verordnete sich einen Flächenwidmungsplan, der zwar die Siedlungsränder fassen konnte, aber am Ziel eines gemeinsa-men Dorfzentrums an den Realitäten von Grundstücksfragen scheiterte. Zwei große landwirtschaftliche Anwesen und eine aktuell genutzte Industrieflächen besetzen den Verbindungsraum zwischen den beiden Ortsteilen.

Subzentren – Eine Reihe von öffentlichen Räumen für das öffentliche Leben.
Eine dieser räumlichen Einheiten bilden Pfarrkirche und Pfarrheim. Der Wie-senbachsaal und die Volksschule eine weitere, etwas abgedrängt und nur über eine Stichstrasse angebunden. Das Gemeindeamt und das Arzthaus dienen als ein weiteres Zentrum, dem es aber durch seine Lage in der zwei-ten Reihe und den Höhensprung zur . . . strasse, einen angrenzende Industriehalle und fehlende bauliche Dominanten an räumlicher Bedeutung mangelt. Fast alle öffentlichen Einrichtungen sind umgesetzt und eine Korrektur dieser fehlenden Mitte ist selbst langfristig nicht denkbar. Vielmehr scheinen sich die Schlinser schon so an diese verteilten öffentlichen Räumen gewohnt zu haben, dass dies bereits als ein lokales Merkmal beschrieben werden kann.

Einzelbauwerke – Eine Reihe von Eigenheiten
Das Bild wendet sich, wenn man die zweite Besonderheit von Schlins auf-nimmt und die große Dichte an bemerkenswerten Einzelgebäuden studiert. Hier scheint sich eine fehlende gemeinsame Mitte zu kompensieren, denn viele markante, besondere, manchmal einfach nur gut gemachte Bauwerke schaffen ein informelles Netzwerk von Orten und verleihen diesen Orten einen Kontext, der jedem Ort eine Mitte für sich gibt. Die folgende Chronologie ist aufgrund der Vielzahl von Objekten unvollständig und stellt den Versuch dar, die Aufmerksamkeit auf vielleicht Unbeachtetes zu lenken und einen roten Faden anzulegen, der zeigt, wie all diese Gebäude zusammenhängen, nach innen und nach außen.
Architektur der Zwischenkriegszeit
1 Erziehungsanstalt Jagdberg, Arch. Willibald Braun, 1927

Die Burg Jagdberg war einst der herrschaftliche Bezugspunkt für die Schlin-ser Siedlung und diese historische Beziehung mit der Burg hat sich im dis-tanzierten, manchmal auch neidvollen Verhältnis zur heute dort situierten Erziehungsanstalt fortgesetzt. Als Landeseinrichtung 1880 gegründet, wurde sie 1885 fertiggestellt und 1928 zur heutigen Grundform durch den Bregenzer Architekten Willibald Braun sen. erweitert. Braun setzte die Kette zweier bestehender Wirtschaftsgebäude mit einem kapellenartigen Verbindungsbau winkelförmig fort und schließt mit einem massiven, dreigeschossigen Baukörper mit den Schlaf- und Aufenthaltsräumen ab, der so einen fort und bildete so einen offenen Hofraum nach Süden bildet. Ein turmartiger Vorbau überragt knapp den Hauptbaukörper. Das Denkmalamt beschreibt das Haus ganz nüchtern als „ein – in der Qualität eher bescheidenes – Werk des Architekten“. Einen unrühmlichen Verlauf nahm das Projekt durch den unvorhergesehenen Anstieg der Baukosten um ein Viertel, was acht Jahre später nach dem Brand eines großen Wirtschaftsgebäudes zum wirtschaftlichen Kollaps und zur Übernahme der Stiftung in das Eigentum des Landes führten.

1982 wurde die Anlage durch einen Zimmertrakt in der Planung der Inns-brucker Architekten Heinz/Mathoi/Strehli gemeinsam mit dem Bregenzer Norbert Schweitzer ergänzt. Ein langer, zweigeschossiger Viertelbogen bil-det einen wirksamen Innenhof und nach außen einen weithin sichtbaren „Wehrgang“, der durch den gezackten Verlauf der Fassade und einen stark gegliederten Baukörper eine sehr zeitgeistige und für die 1980er Jahre typische Gesprächigkeit entwickelt. Ein zum Hof hochgeklapptes Dachband versorgt auch die innenliegenden Räume mit Oberlicht und verstärkt den optischen Abschluss des Hofes.
Als 1984 das Hauptgebäude von W. Braun durch einen Brand stark beschä-digt wurde, wurde es durch die selbe Architektengruppe betont sachlich und funktionell rekonstruiert. Der neue Baukörper mit breiten Fensterbändern und einer Schrägverglasung im Dachgeschoss wurde kontrastierend hinter die erhaltenen Türme und die Blendarkade im Erdgeschoss eingestellt.

Moderne in Vorarlberg / 1970er Jahre

Die Enteignung/Verstaatlichung der Erziehungsanstalt Jagdberg durch die Nationalsozialisten 1939 mündete bei der Rückführung nach dem Krieg zur Errichtung einer anderen Landeseinrichtung, der sozialpädagogischen Stif-tung Jupident, die ebenso wie die Stiftung Jagdberg von einem Schwester-norden betrieben wurde.

Die Nachkriegsmoderne war in Vorarlberg vom großen Bedarf an Wohnraum und öffentlichen Einrichtungen geprägt. Die wenigen Architekturbüros im Land waren voll mit großen Projekten ausgelastet und hatten wenig Zeit für Grundsatzfragen. Vieles aus dieser Zeit des Bauwirtschaftsfunktionalismus ist handwerklich solid geplant, aber spürbar mit wenig Rücksicht auf den Ort oder Aufgaben außerhalb der Norm. Vor diesem Hintergrund wuchs jene Architektengeneration heran, die unter dem Eindruck von Architektenpersönlichkeiten wie Roland Rainer oder Erich Plischke den Ort und den Menschen wieder als Maßstab nahmen und den Grundstein für die zeitgenössische Vorarlberger Architekturentwicklung legten.

2 Sozialpädagogisches Zentrum Stiftung Jupident mit Kapelle, Landeshoch-bauamt,
Arch. Emanuel Thurnher, 1960-63
Rehabilitationszentrum, Arch. Kruck & Seebacher, 1977/78

Von 1960 bis 1963 wurde in der Parzelle Jupident, eine Heilpädagogische Landessonderschule mit Familienhäusern und einem Schulgebäude für rund 130 Kinder geplant und errichtet. Den Abschluss dieser Anlage bildet eine Kirche und ein Wohnhaus für die Ordensschwestern vom Heiligkreuz, das mit einem gedeckten Wandelgang verbunden ist. Diese kleine, aber raum-bildende Geste schafft einen intimen Garten dahinter und bildet davor einen wirksamen Abschluss der Anlage . Als Planverfasser werden das Landes-hochbauamt, bzw. Arch. Emanuel Thurnher genannt, der unter anderem das erste Hochhaus Vorarlbergs in der Dornbirner Marktstrasse und die Karrenseilbahn gestaltet hat. Dominiert wird der schlichte und eindrückliche Kapellenraum durch kräftig farbige Glasfenster von Konrad Honold.

1977/78 veranlassten neueste Erkenntnisse in der Behindertenpädagogik schließlich den Bau eines eigenen Hallenschwimmbads. Der Entwurf dazu stammt von den Bludenzern Architekten Kruck & Seebacher, die einen fla-chen Baukörper mit leicht geneigtem Satteldach längs zum Hang geschickt in das Gelände legten, ohne den Ausblick in den Walgau zu beeinträchtigen. Der Zugang erfolgt von oben, wo auch Therapieräume untergebracht sind und die über eine Galerie erschlossen werden. Überraschend erstreckt sich die große Raumhöhe nach unten , wo die große Schwimmhalle und im Hang die Umkleiden und Duschen untergebracht sind. Einzelne Gestaltungsele-mente wirken heute etwas ungewohnt, aber insgesamt überrascht der Bau durch schöne Raumwirkungen und eine kluge Innenorganisation. Die Dach-form wird geschickt genutzt und erzeugt eine ruhige Landschaftskontur. Ein leichter Versatz an der Seite gliedert die Gesamtform und schafft den Eingang zu einer Hausmeisterwohnung. Auch hier standen gestalterischer Weitblick dahinter, denn die Entscheidung für diesen topologisch sensiblen Bau fiel vor dem Angebot einer kostenlosen Planung durch das renommierte Planungsbüro Ramersdorfer und Meusburger, die aggressiv akquirierten und zu dieser Zeit ihre einst elegant modernistische Formensprache bereits zugunsten von schweren und stereotypen „Tirolerhäusern“ aufgegeben hatten.

3 Siedlung Ruhwiesen, Rudolf Wäger, 1973
Der Architekturhistoriker Otto Kapfinger spricht von „Pionierarbeit in Österreich“, die in mehrfacher Hinsicht geleistet wurde. Die Siedlung Ruhwiesen ist auch für die Baukultur in Schlins mehrfach bedeutsam. Als Beispiel für das verdichtete Bauen und als Beispiel dafür, dass eine eigenständige Interpretation der Moderne zu regional gültigen Ergebnissen führen kann. An ihrem Beispiel zeigt sich der Umfang des Begriffs Baukultur ganz deutlich. Die Bewohner haben zum einen mit dem Gebäude selbst, aber auch mit der Lebenskultur, die damit verknüpft war im Ort nachhaltige Spuren hinterlassen. Keine einfachen Moden, die rasch verflogen wären, sondern Überzeugungen zu Fragen von Gestaltung und Ästhetik, die erst in zweiter Linie an Formalem fest gemacht wurden. Diese waren manchmal nicht leicht umzusetzen und so gab es ausgesuchte Quellen und Produkte, die fast zu stillen Erkennungszeichen wurden. Der Enthusiasmus reichte vom finnischen Aatala-Teeservice bis zu den Kugellampen aus Papier, von schlichtem skandinavischen Möbeldesign bis zur zeitgenössischen Kunst und Musik, die Teil dieses Lebensgefühls waren.

Das Projekt war zuerst nach einem dreigeschossigen Konzept, vergleichbar mit dem Projekt Halde von Hans Purin und der Siedlung Halen von Atelier 5 geplant. Der mehrfache Einspruch der Baubehörde über die Person von Prof. Ernst Hiesmayr, führte schließlich zur jetzigen, eingeschossigen Lösung, die für das mäßig steile/fast flache Gelände am angemessensten schien. Hiesmayr, ein gebürtiger Tiroler, hatte ein Büro in Wien und hatte über seine Frau Vorarlberg kennen gelernt, hier auch einige markante Bauten errichtet, wie das Wirtschaftsförderungsinstitut/WIFI oder das Geschäftshaus Zünd in Dornbirn. Er lehrte gerade an der Universität Inns-bruck als er 1971 mit der Erstellung eines Flächenwidmungsplanes für Schlins beauftragt war und auch bei der architektonischen und ortsbaulichen Bewertung von Bauansuchen zu Rate gezogen wurde.

Der Werdegang zum Architekten von Rudolf Wäger selbst, ist getragen von den Erfahrungen des Selbstbaus. Sein erstes Haus hatte er gemeinsam mit seinen Brüdern Heinz und Siegfried selbst geplant und selbst gebaut. Eine klare, einfache Konstruktion, die sich in einem Raster entwickelte und eine räumliche Flexibilität erlaubte, war der Weg für diese und auch viele spätere Bauten.
Der damals 30jährige Wäger wollte für sich ein Gebäude errichten und fand rasch eine Reihe von zumeist jungen Gleichgesinnten, die das selbe Anlie-gen hatten:
Die Bereitschaft und Begeisterung in der Siedlung Ruhwiesen nicht nur diese Ideen des Wohnens und Bauens mitzutragen, sondern, wenn auch aus Kostengründen, beim Ausbau aktiv mit zu arbeiten, hat die Verbundenheit mit der Siedlung enorm gestärkt.

Die Gebäude folgen einem klaren konstruktiven Prinzip, das schon 1921 bei Adolf Loos bei seinen radikal einfachen Vorschlägen für Siedlungshäuser einsetzte. Zwischen massive Trennwände waren Holzkonstruktionen einge-spannt. Ähnlich wie in der Siedlung Halde von Hans Purin zehn Jahre zuvor wurden Holzleimbinder vom Holzbauwerk Kaufmann, sowie Dreischichtplatten (DOKA-Schaltafel-Träger) verbaut.
Ein tiefes Rasterfeld für die Wohnräume nach Süden und ein schmales Feld für Nebenräume und Schlafzimmer nach Norden, sind durch einen längslaufenden Gang verbunden. Das Haus folgt von der Trägerstärke bis zur Zimmerbreite einer modularen Ordnung, deren ruhige Logik beständig spürbar bleibt. Die sichtbare Konstruktion und die regelmäßigen Fensterteilungen erlaubten nicht nur verschiedenste Unterteilungen der Räume, sondern strukturierten auch die großen, verglasten Wandflächen nach Süden in präzise proportionierte Felder. Diese durchgehende Ordnung und das Spiel von Durchblicken und Wandscheiben läßt auch den sparsa-men Umgang mit dem Raum (Raumhöhe von 2,30m) großzügig erscheinen.
Fenster und Türen sind nach Außen öffenbar, um Nutzfläche zu sparen.

Einige Jahre später wurde die Anlage durch ein Atelierhaus an der Strasse ergänzt. Ein schlichtes Langhaus mit markantem Steildach bildete den Kontrapunkt zu den beiden flach ausgebreiteten Häuserzeilen, die schon bald mit der Landschaft verwachsen waren. 2006 wurde es durch Hans Hohenfellner behutsam erweitert und durch einen Fahrzeugeinstellplatz ergänzt. Alle Gebäude und die Bepflanzungen sind so sorgfältig gesetzt, dass auch die Außenräume dazwischen wie offene Zimmer wirken, die wie die Innenräume von schlanken Erschließungswegen durchzogen werden.

Vorarlberger Baukünstler – 1980 bis 2000

Von der Postmoderne zur Vorarlberger Bauschule.

Jene Bewegung, die seit dem Befugnisstreit 1984 mit der Architektenkam-mer unter dem Titel Vorarlberger Baukünstler subsumiert wird, nahm in den 1960er Jahren mit der Generation um Rudolf Wäger, Hans Purin, Leopold Kaufmann und anderen ihren Auftakt. Deren Ansatz war den Ideen einer späten Moderne verpflichtet, wie sie in der Schweiz und in Skandinavien mit wachsender Aufmerksamkeit für den Ort und die Materialität praktiziert wurden und die auch als Orientierungspunkte identifizierbar ist. Obwohl etliche der Proponenten der 1960er und 1970er Jahre maßgeblich die folgende Baukünstlerbewegung der 1980er Jahre prägten, setzte sich diese formal und inhaltlich deutlich ab.

An diesem Punkt wird die Analogie zwischen dem Baugeschehen in Schlins und dem Gesamtvorarlbergs unscharf. Zu rasch und in zu großer Breite hat sich das Bauen in dieser Zeit weiterentwickelt, um hier im Ausschnitt des Schlinser Gemeindegebietes eine repräsentative Chronologie abbilden zu können.
Typische Beispiele für das selbstbestimmte und einfache Bauen, das sich von der formalen Strenge der Moderne gelockert und einen mehr spieleri-schen, formal erzählerischen Ton angenommen hatte, gab es auch in Schlins. Ab den späten 1970er Jahren konnte man ihn an Einfamilienhäusern ausmachen, die mit langgestreckten Satteldachhäusern mit stehender, oft lackierter Holzverschalung und runden Giebelfenstern sich selbstbewusst den Titulierung „Hasenställe“ aussetzen, bis man sich daran gewöhnt hatte.

Auch die Präsenz von Arch. Ernst Hiesmayr in Schlins ist bemerkenswert, der als Mentor und Professor an der TU Wien in seinem Bekenntnis/ elementaren Grundhaltungen zum einfachen und regionalen Bauen durchaus prägend für eine Reihen von Vorarlberger Architekten wie Helmut Dietrich und Hermann oder später dessen Neffe Johannes Kaufmann war.

Das anekdotische, erzählerische Element sei hier mit einigen Beispielen herausgegriffen, die einen durchaus typischen Wien-Bezug haben.

4 Wiesenbachsaal, Markus Koch, Michael Loudon, 1990
Der Wiener Architekt Michael Loudon führte bis 1990 gemeinsam mit Mar-kus Koch ein Büro in Feldkirch und realisierte in dieser Zeit eine Reihe ex-quisite Projekte. Darunter auch den Wiesenbachsaal, der neben Veranstal-tungen aus zugleich als Turnsaal für die benachbarte Volksschule dienen sollte. Mit diesem Ensemble entstand ein weiterer Mosaikstein in einer Folge von informellen öffentlichen Räumen, der jedoch durch seine abgeschiedene Lage auf diese Funktionen beschränkt blieb. Saal und die vorgelagerten Zusatzfunktionen sind an zwei unterschiedlich gehaltenen Baukörpern ablesbar. Ein „alltägliches“ Satteldach über einem Holzbau-körper mit verputztem Sockel für Foyer, Garderoben, Schulungsräume und Bibliothek. Dessen Außenwand weicht vor dem Foyer markant zurück, um so einen überdachten Vorbereich zu schaffen. Der Saal bleibt über verglaste Wandelemente einsichtig. Eine umlaufende Galerie schafft den Korridor und Raum für Turngeräte und Bestuhlung und schließt mit offenen Kletterwänden ab. Das Tonnendach mit seiner sichtbaren Unterspannung wölbt sich darüber. Im Untergeschoss überrascht noch eine elegant gestaltete Bar, als historischer Einschluss einer raffinierten Wiener Szene- und Lokalkultur der 1990er Jahre.
Wie auch die zeitgleich entstanden Wohnanlage von den selben Architekten hebt sich der Wiesenbachsaal ab durch eine detailbewußte Architekturspra-che /einer „architettura parlante“, die jedoch präzise ihrer inneren Logik folgt. Dahinter steht eine hintergründige Geistesverwandtschaft zu den Bauten eines Rudolf Wägers und anderer, die ihre Bauten aus einer konstruktiven Tektonik entwickeln. Loudon und Koch erarbeiten auf der Basis alter Bautraditionen die Ordnung ihrer Elemente wie Sockel, Basis, Säule und Dach und fügen sie mit nach den Vorgaben von Ort und Raumprogramm zu komplexen Proportionen zueinander.
Die spätere Entwicklung des Vorarlberger Bauens hat sich von der Komple-xität dieser Aufgaben zu einfacheren Baukörpern und Gestaltungselementen zurückgezogen. Mitunter mit dem Gewinn an Klarheit, mitunter aber auch mit dem Verlust an gestalterischem Reichtum und Selbstbewußtsein.

5 Wohnanlage Bailing, Markus Koch, Michael Loudon, 1990

Die Wohnanlage Bailing ist ein Beispiel dafür wie diese Komplexität durchaus zurückgenommen werden kann. Die klare U-Form der Anlage korrespondiert mit dem angrenzendem Schulbau und über ihren torartigen Durchgang kann man sie durchaus mit etwas Stolz betreten. Dieses gestalterische Selbstbewusstsein aus dem Wiener Wohnbau steht dem sonst sehr zurückhaltenden Geschosswohnbau in Vorarlberg ganz gut zu Gesicht. Die holzverkleidete Leichtkonstruktion der Obergeschosse proportioniert die zweigeschossige Anlage und freigestellte Veranden verleihen als spielerische Stahl-Glastürme dem Hof eine freundliche Ordnung, ebenso wie die Feingliedrigkeit der weit auslandenden Dachkonstruktion. Im Inneren überrascht eine Variabilität der Raumaufteilung, die durch Stahlsäulen ohne tragende Innenwände und eine zentrale Korridorzone ermöglicht wird.

6 Atelierhaus Rauch, Martin Rauch, Robert Felber, 1993

6 Erweiterung der Volksschule, Bruno Spagolla 1998
Nach dem Grundkonzept von Markus Koch und Michael Loudon hat Bruno Spagolla diese Schulerweiterung realisiert. Wie der Wiesenbachsaal gegen-über birgt auch sie Raum für verschiedene kommunale Nutzungen. Der große Saal im Erdgeschoss dient auch der Musikschule und am westlichen Ende ist ein kleiner Kindergarten untergebracht. Spagolla führt den öffentlichen Charakter explizit aus und vermittelt die Aktivitäten im Gebäude durch großflächige Verglasungen sichtbar auf den Platz, der davon deutlich profitiert. Die durchaus lebhafte Formensprache und Plastizität entspricht ganz dem Übergang von der gestalterischen Lässigkeit der 80er Jahre hin zur formalen Präzision, die dem Vorarlberger Bauen seit Mitte der 90er Jahre seinen hohen Wiedererkennungswert gesichert hat. Dem vertrauten Rahmenmotiv ist ein rot verkleideter Gebäudekörper eingeschoben, der durch einen Rücksprung zum Platz den Beginn eines Weges durch das Gebäude thematisiert. Dieser senkt sich mit einer Einschnürung am Übergang zum weiss verputzten Altbau in das Gebäude ab und bewahrt dessen sprödes Eigenleben. Ein Durchgang verknüpft den Platz ganz logisch mit dem dahinter liegenden Wohngebiet.

7 Sanierung und Zubau Pfarrheim, Hans Hohenfellner, 1999
Ein Beispiel für ein ausgereiftes Beispiel aus der jüngeren Vorarlberger Ar-chitektur – die eigentliche Baukünstlerbewegung und ihre Umstände und Merkmale waren bereits abgelöst worden – ist die Erweiterung des Pfarr-heims durch Hans Hohenfellner.
Der Neubau des Pfarrheims war das Resultat eines gewonnenen Wettbe-werbs, den die Diozöse im Jahr 1997 ausgeschrieben hatte. Das neue Pfarrheim, ein langgestreckter geschlossener Baukörper mit einem großen verglasten Mittelfeld nahm den Platz eines alten Wirtschaftsgebäudes ein und löste durch seine kluge Positionierung verschiedene Aufgaben mit großem Understatement. Die feine naturbelassene Lattenfassade aus Lärchenholz bewahrt vor allem in der Seitenansicht die Charakteristik des Stadels und schafft aber die nötige formale Distanz zum Pfarrhaus, das durch einen vollständig verglasten Zwischentrakt mit Stahlbetondecke verbunden bleibt. Saal und Pfarrhaus sind niveaugleich gehalten und können durch eine unauffällige Rampe in diesem Verbindungsbereich behindertengerecht erschlossen werden. In einem der beiden geschlossenen Enden des Saals verschwindet dezent die Garage des Pfarrhauses. Hans Hohenfellner nutzte das tiefer liegende Gelände auf der Rückseite um das Untergeschoss mit 4 Gruppenräumen natürlich zu belichten.

Nach vor zur Strasse blieb ein großer mit Birken bestandener Platz, der für kirchliche und weltliche Anläße ein einladendes Ensemble bildet. Der formal sehr präzise Einsatz der natürlich verwitternden, stehenden Holzlatten in Kombination mit der gestockten Betonstufen und einer Sichtbetonwand im Inneren, gibt dem Gebäude eine Getragenheit und Feingliedrigkeit, die dem verputzten historischen Pfarrhaus mit seinen Steingewänden gut zur Seite steht.
Der vorgelagerte, gepflasterte Platz ist zugleich Gelenk und würdiger Auf-takt für den Eingang und Mittelachse in den Friedhof, in dem sich ebenfalls verschiedene Spuren zeitgenössischen Bauens finden lassen. Den Auftakt bildet eine kleine Aufbahrungshalle nach einem Plan des Künstlers und Bür-germeisters Albert Rauch. Ihr etwas formalistisch aufschwingender Glockenturm mit der gestalterischen Unbekümmertheit der 1960er Jahre täuscht über das tatsächliche Entstehungsjahr von 1982 hinweg, schafft aber gemeinsam mit Pfarrhaus und Kirchturm ein wirksames räumliches Zusammenspiel. Am Ende des Wegs trifft der Friedhofsbesucher auf eine Urnenwand, die 1996 [?] von Lehmbaumeister Martin Rauch in Stampflehmlagen ausgeführt wurde. Das Sinnbild der Erde und ihrer Schichtungen, das durch einen breiten Riss in der Mittelachse das Mysterium der Auferstehung, der Befreiung thematisiert. Wie absinkend und schwebend angeordnete Namenszüge und Jahreszahlen aus messingnen Einzelbuchstaben vor dem farbigen Spiel der Kies und Lehmlagen vermitteln eine besonders sensible, künstlerische Dialektik zwi-schen Mensch und Erde.

Aktuelle Bauten in Schlins

*2006 Eröffnung und Inbetriebnahme des neuen Bergkäse-Reife-Centers.
Atelier Raggl aus Röns: Holzskelettbau mit sägerauer Holzfassade in Weiß-tanne
Im neuen Käse-Reife-Center übernimmt nun ein Roboter diese mechanische Arbeit. Bis zu 60 Tonnen Bergkäse am Tag holt der Roboter aus den Hochregallagern in den neuen vollklimatisierten Käsereifekellern.
Es gibt 2 Reifekeller in denen ganzjährig die Luftfeuchtigkeit von 94% und eine kontinuierliche Temperatur von 14° Celsius gehalten wird. Damit kann ein unnötiger Gewichtsverlust vermieden werden. Außerdem wird so eine gleichbleibende Qualität des Bergkäses gewährleistet.*

8 Wohn- und Gewerbegebäude St. Anna, Reinhold Strieder, 2002
Bei der Entstehung des Wohn- und Gewerbegebäudes St. Anna war die Ge-meinde selbst als Bauherr initiativ geworden, als ein bestehender Nahver-sorger seine bisherige Filiale schloss, und die Gemeinde an diesem Standort ein Geschäftslokal errichtete und vermietete. Im Dialog mit dem Architekten entwickelte sich eine auf die Anforderungen einer Kleingemeinde abgestimmte sinnvolle Verdichtung, die dem Lebensmittelmarkt entlang der Straße ein Wohn- und ein Bürogeschoss, und dem rückwärtigen Teil ein Geschoss mit kommunalen Notwohnungen aufsetzte. Die einfache Struktur und die dunklen Fassadenplatten unterstreichen die öffentlichen Aufgaben des Gebäudes. Der Materialwechsel zum warmen Ton von hellem Holz macht den Wohnbereich ablesbar. Die markante Höhenentwicklung in der sonst offenen Bebauung korrespondiert mit der Kirche St. Anna, an der Abzweigung von der Landesstrasse zum Oberdorf. Ein gläserner Treppenturm zum Parkplatz hin markiert als Gelenk den Eingang zu Lebensmittelmarkt und Wohnteil und generiert einen Vorplatz, der sich jedoch aufgrund von Sachzwängen von diesem Knotenpunkt abwendet und eine gemeinsame räumliche Figur vermissen lässt. Am rückwärtigen Teil wird die traditionelle Doppelhausstruktur im Walgau thematisiert, indem der monolithische Neu-bau mit großer formaler Gelassenheit an eine angrenzende Haushälfte an-schließt.

9 Sportanlage Schlins, Reinhold Strieder, 2007
Fußballplätze bilden den Rahmen für den geheimen Lebensmittelpunkt vie-ler Gemeinden und ihrer Bewohner: Das Match am Wochenende. Der neue Sportplatz mit einem kleinen Vereinshaus entstand am Dorfrand, entlang von Ill und Bahnstrecke, auf einer ehemaligen Mülldeponie. Reinhold Strie-der stellte sich der reizvollen Aufgabe trotz knappem Budget und verortete das Gebäude an einer prächtigen alten Eiche als genius loci. Als weithin sichtbarer Mittelpunkt spendet sie sommerlichen Schatten für eine befestigte Fläche aus Schotterrasen, die seitlich an das Vereinsgebäude mit seiner raumhoch verglasten Stehbar anschließt. Von dort lässt sich das Geschehen auf dem Spielfeld überblicken, breite Sitzstufen aus Beton führen vom Gebäude zum Platz. Die unterste Stufe ist elegant zu einer Sitzbank entlang der Seitenlinie verlängert und fasst Gebäude und Baum zu einem Ensemble. Spielergarderoben und Lagerräume für Trainingsmaterial bilden neben dem grüßzügig verglasten Gastronomiebereich eine geschlossene Ecke mit einem schmalen Fensterband zur Straße. Phenolharzplatten ohne Dekorschicht, die zugleich über die Jahre nobel vergrauen, waren die dauerhafte und wirtschaftliche Lösung für die Fassade, vorgefertigte Holzelemente, die innen unverkleidet blieben, garantierten eine rasche Bauzeit und ermöglichten den Vereinsmitgliedern, bei den Ausbauarbeiten ein gewisses Maß an Eigenleistung beizusteuern. Das Mehr an Raum und das Mehr an Gestaltung wurden für Planer und Nutzer zur gemeinsamen Errungenschaft.

10 Lehmhaus Rauch, Roger Boltshauser und Martin Rauch
Als Beispiel für aktuelle Bautätigkeit in Schlins sei speziell ein Gebäude her-ausgegriffen, das im Begriff ist durch seine Vielfalt an Eigenheiten und Qualitäten internationalen Stellenwert zu erreichen.

Mit großer Energie trat dieses Bauwerk in den Architekturdiskurs und unterbricht die Vorarlberger Holz- und Betonbauroutine. Dies zeigte sich an dem ungeheuren Interesse bei verschiedenen Führungen durchs Haus. Aufsehen und Eigenwerbung sind keine alemannischen Tugenden. Trotzdem muß die Aufmerksamkeit, die dieses Haus auf sich zieht toleriert werden. Martin Rauch ist ein mittlerweile internationaler Botschafter einer eigenen Kultur des Bauens und natürlich auch seines Handwerk – oder sollte man besser sagen: seiner Kunst – die er durch jahrzehntelange Arbeit und durch seine Neugierde und Beständigkeit zu einer Renaissance geführt hat.
In seinem eigenen Haus hat er über fast drei Jahre Experimente, Kunstfertigkeiten und alle Energie einfließen lassen, die ihm neben der Arbeit in seinem Unternehmen zur Verfügung stand.
Das Haus ist (fast) aus dem Boden entstanden auf dem es heute steht. 45 cm dicke Wände aus Stampflehm mit massiven Holzdecken zeichnen den eigenwilligen Ansatz der Lehmbauweise aus. Ein
Garage und Eingangsbereich sind mit einer Gewölbe-Ziegeldecke überdeckt. Die selbstgebrannten Ziegelsteine dafür sind mit ausgesiebten Steinen des Aushubes hergestellt worden. Die Rückwände, die das Erdreich berühren wurden aus Stampflehmbeton hergestellt. Dabei wurden Trasskalk und An-der-Schotter zugemischt.
Die Böden sind ebenfalls aus Stampflehm hergestellt. Nur im Eingangsbe-reich und im Bad wurden Fliesen verwendet, die in Raku-Technik gebrannt wurden. Glasiert wurden sie in einem Siebdruckverfahren mit einem raffi-niertem Ornament, das der Sohn von Martin Rauch entwickelt hat. Die Feinheit der Raumsprache des kongenialen Schweizer Architekten trifft sich mit der Sensibilität und dem enormen Erfahrungswissen eines Lehm-bauspezialisten, der mit seinem eigenen Haus technisch und künstlerisch Maßstäbe gesetzt hat. Die Variationen eines Materials demonstrieren seine Möglichkeiten von der glasierten Fliese bis zur monolithischen Außenwand. Entspannte Wohnatmosphäre trifft sich mit der Archaik und Textualität dieses massiven Stampflehmbaus, packende Baustellenanekdoten mit andächtiger Kunstbetrachtung.